MEDIENARCHIV 10.11.2000

 

"Müss ma mehr Gurke spielen"

Ivan "Ivica" Osim gibt Einblick in den Trainingsalltag von Sturm Graz
Von Uwe Mauch und Rudolf Müllner

Messendorf, ein Vorort von Graz. Hier versteckt sich das Trainingszentrum des SK Sturm. Die Umgebung ist keine Idylle: Ein schnell wachsendes Industriegelände, Baukräne, Fertigteil-Hallen, lieblos auf die grüne Wiese gestellt. Auch der abgetretene Fußballplatz, das Klubhaus und die darin integrierte Sportkantine passen eher zur österreichischen max-Bundesliga denn zum Glamour der Champions League, in der sich Sturm diese Woche derart erfolgreich etabliert hat. Dennoch lohnt sich ein Ausflug in die Werkstätte eines europäischen Außenseiters. Hier feilt Meistertrainer Ivan "Ivica" Osim an Technik, Physis und Psyche seiner oft launenhaften Facharbeiter-Truppe.

Der bosnische Fußball-Experte ist der meist besungene Coach des österreichischen Spitzensports. Osim-Statements sind etwas Besonderes. Er ist einer der wenigen Fußballtrainer, die auch zu anderem als

zu schwachen Leistungen von Schiedsrichtern etwas zu sagen haben. In Osims tief gehender und schwermütiger Analyse des Spiels gelingt die brillante Verknüpfung von Fußball mit Philosophie, Politik, Managementtheorie und allgemeiner Weltkunde. Deswegen treten seine Schützlinge auch nicht immer an, um ein Spiel zu gewinnen, sondern um das Spiel zu interpretieren.

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"Fußball, das wird bleiben bis ans Ende der Geschichte. Das Fußballspiel ist Teil der Kultur, etwas, was dazugehört wie das Theater. Alle möchten es gerne spielen. Aber es ist - rein biomechanisch - sehr schwer so zu spielen wie Zidane oder Rivaldo."

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Auf dem Rasen von Messendorf herrscht unaufgeregter Trainingsalltag. Drei Spielergruppen üben eine, wie sie in ihrem Jargon sagen, Hösche. Der Ball läuft im Kreis, einer der Spieler muss ihn erhaschen. Mit dem Ball rennt auch der Schmäh. Besonders dann, wenn es wieder einmal gelingt, dem "Pepi" (Josef Schicklgruber, Tormann der Mannschaft) den Ball durch die Beine zu spielen.

"Müss ma mehr Gurke spielen", fordert dann der "Ivo" (Ivica Vastic, Star der Mannschaft) lausbubenhaft. Die Umgangssprache ist eine Art steirokroatisches Deutsch. Wortschatz und Grammatik wurden für die ungarischen, afrikanischen, persischen, polnischen, bundesdeutschen und Wiener Kollegen entsprechend adaptiert.

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"Im Fußball muss man oft sehr schnell kommunizieren. Da passiert es schon, dass Spieler, die nicht gut Deutsch sprechen, Probleme haben."

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Der Trainer lässt auf sich warten, kommt erst eine halbe Stunde nach dem offiziellen Trainingsbeginn. Operiert ganz offensichtlich mit einer Art Gleitzeit-Modell.

Wie ein Gespenst taucht er aus den Umkleide-Katakomben auf. Der leibhaftige Ivan Osim. Müht seinen gebückten Körper auf das Trainingsfeld. Seine Geschwindigkeit ist nach unten kaum zu überbieten. Als hätte er kein Ziel, stakst er dahin. Ein Hüne von 1,90 m Körpergröße. Die langen dünnen Beine scheinen dabei den Boden kaum zu berühren.

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"Ich bereue nicht, dass ich mein Mathematik-Studium nicht beendet habe. Denn was ich im Fußball gesehen und erlebt habe, davon kann ein Mathematikprofessor nur träumen. Fußball ist eine Schule, eine Lebensschule. Es gibt keine bessere. In kürzester Zeit gibt es da alles: Geld, Ehre, Siege, Niederlagen - alles auf einmal."

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Ohne dass er eine Intervention setzen muss, steigern seine Spieler, immer noch mit ihrer Hösche beschäftigt, Einsatz und Tempo. Der Auftritt Osims scheint dem Theater entsprungen. Er wirkt wie ein großer gebrochener Mann. Mit nach vorne gebeugtem Rücken, eingezogenem Kopf, schiefen Schultern, die Hände am Rücken verschränkt.

"Schwabo", der Deutsche, wie sie ihn in seiner Heimat Bosnien nennen, scheint eine unendlich schwere Last mit sich zu tragen, die ihn nur sehr langsam vorwärts kommen lässt. Ein knallblaues Leibchen mit der Aufschrift "Puntigamer" gibt der gesamten Figur etwas Comic-Heldenhaftes.

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"Ich lebe gut. Für mich ist es etwas leichter. Meine Eltern und meine Großeltern wurden in der k. und k. Monarchie geboren. Ich hatte also schon eine gewisse Idee von Österreich. Ich bin in Sarajevo geboren. Das war eine multiethnische Stadt.

Der Lebensstil und die Kirche, das ist alles sehr ähnlich. Das Zentrum von Sarajevo erinnert mich sehr stark an das Zentrum von Graz. Es gibt eine ähnliche Kultur, aber eine andere Mentalität. Ich glaube nicht, dass ich im Exil bin. Obwohl: Ich weiß, dass ich Ausländer bin und immer sein werde, trotz des österreichischen Passports. Aber möglicherweise ist das auch gut. So kann man auch leben. Fußball ist international. Ich glaube, da ist es leichter, akzeptiert zu sein."

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Die multiethnische Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft von Sturm Graz ist im europäischen Fußball nichts Außergewöhnliches. Trainer wie Spieler stehen vor der oft schwierigen Aufgabe, ihre sehr unterschiedlichen, Kulturkreis-bedingten Eigenheiten und Bedürfnisse dem Teamwork unterzuordnen.

Die Kinder von Tomislav (Kocijan, Routinier der Mannschaft) sitzen auf dem Spielfeld - innerhalb der Outlinien! Sie spielen abwechselnd mit Puppen und Karten. Der Arbeitsplatz ihres Vaters ist für sie keineswegs tabu. Im Gegenteil. Hin und wieder rufen sie nach ihrem Papi. Kocijan unterbricht dann für einen Moment seinen Job und schenkt ihnen die gewünschte Aufmerksamkeit.

Der Sportklub Sturm Graz ist - so würden es Betriebswirtschafter vermutlich formulieren - ein familienfreundliches Unternehmen. Das ist insofern bemerkenswert, als gerade im Fußball autoritäre Führungskonzepte noch immer eher die Regel sind. Auch die Wahrnehmung des Fußballers als fürsorglicher Vater geht in der allgemeinen Sportübertragungshektik zumeist unter.

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"Wir waren am Anfang, als ich nach Graz gekommen bin, eine kleine Firma. In einer kleinen Firma, in der es mehr Intimität gibt, ist das leichter. Jetzt ist es schon ein Profibetrieb geworden. Wir versuchen aber noch immer, zusammen zu leben. Wenn die Spieler nur mehr wie Automaten zum Training kommen würden, das bringt nichts."

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Während der gesamten 90-minütigen Übungseinheit legt Osim nicht mehr als 150 Meter zurück. Das genügt. Hin und wieder ein knappes Kommando: "Kommen Sie" - "Spielen Sie!" Seine Spieler wissen längst, was dann zu tun ist. Der Sportklub Sturm Graz ist ein eingespieltes Team. Gelingt eine Aktion nicht so, wie er sich das vorstellt, lässt Osim gestenreich-resignativ die dann seitlich weggestreckten Arme zu Boden fallen, so als würde all seine Mühe ohnehin nichts fruchten. Himmel und Hölle: Für den Fußballromantiker Osim, der in jungen Jahren einer der besten und auch elegantesten Spieler im damaligen Jugoslawien war, scheint bei jedem Fehlpass und jeder Spielverzögerung eine Welt zusammenzubrechen. Vielleicht ist seine ständige Zerknirschtheit aber auch Ausdruck eines tiefen Mitgefühls. Denn so sehr er mit seinen Mitarbeitern auf dem Spielfeld hadert, so sehr verteidigt er sie in aller Öffentlichkeit.

Immer wieder verweist der Fußballexperte aus Sarajevo auf die Torturen des europäischen Profibetriebs: Nationale Meisterschaften und europäische Cupbewerbe machen die Fußballer kaputt, kritisiert Osim. Niemand könne verlangen, dass ein Spieler alle drei, vier Tage an die Grenzen seiner Belastbarkeit geht. Das große Geld, welches die UEFA, der europäische Fußballverband, den Vereinen verspricht, ruiniert das Spiel. Dennoch versucht er als Coach möglichst menschlich zu agieren. Spieler, die andere Trainer längst ausgemustert hätten, erhalten bei Osim auch noch eine dritte, vierte und sogar fünfte Chance.

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"Es ist gefährlich zu sagen, Kreativität könne man trainieren. Entweder man hat sie oder man hat sie nicht. Der Trainer kann Spielern, die nicht so kreativ sind, helfen. Er kann ihnen die Freiheit geben, etwas zu probieren, etwa eine Situation so zu lösen, wie sie es normalerweise nicht können. Das ist im Profifußball natürlich riskant. Dazu muss man die Spieler gut kennen. Dann ist so etwas wie kontrollierte, disziplinierte Freiheit möglich. Wenn sie nur so spielen dürfen wie ich denke, bringt das nichts. Das Wichtigste ist, dass jeder Spieler Spaß hat, dass er das Gefühl hat, von mir nicht zu sehr limitiert zu sein."

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Wenn Osim, der sich mit Messendorf und der österreichischen Fußball-Provinz mittlerweile arrangiert hat, über seinen Führungsstil spricht, dann klingt dies nicht ganz so geschmeidig wie die Vier-Buchstaben-Floskeln vieler in Management-Seminaren tätigen Coachinggurus. Dafür erklärt er ziemlich genau, warum er Erfolg hat. Kaum hat der Trainer die Arbeit auf dem Spielfeld für beendet erklärt, fährt Sturm-Präsident Hannes Kartnig vor. Verparkt mit seiner repräsentativen Limousine (Kennzeichen: "G - Sturm 1") Ein- und Ausfahrt. Und nimmt dann sofort den höchst gelegenen Posten auf dem Trainingsgelände - die sogenannte Kartnig-Ecke - ein.

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"Oft leben die Trainer mit viel Druck. Müssen Resultate bringen. Unter Druck kann man nicht kreativ sein. Das einzige, was denen dann noch bleibt, ist Disziplin. Alles ist dann kontrolliert, stur, systematisiert. Okay, und dann spielt man eben so einfallslos wie die Engländer oder wie die Deutschen."

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Mit "Grüß Gott", grüßen Kartnigs Kicker auf dem Weg in die Dusche ihren Brötchengeber höflich. Anders der Trainer. Der nimmt den Herrn Präsidenten so scheint es, nicht einmal wahr.