MEDIENARCHIV 27.10.06

 

"Diese Sturm-Mannschaft hat Charakter"

 
Seit Montag liegt die Zukunft von Sturm Graz in den Händen des Masseverwalters. Wie es mit den Spielern weiter geht, ist völlig offen. Vor der Partie am Samstag nimmt Ernst Dospel im Gespräch mit ORF.at zu den Ereignissen aus Spielersicht Stellung und spricht von "einem Team mit Charakter". Weiters äußert sich der Verteidiger zur Situation bei seinem Ex-Klub Austria. Warum ein violettes Herz alleine nichts bringt - und warum sich Frenkie Schinkels nach seinem Rauswurf letztklassig verhalten hat.

 

"Die Ereignisse sind im Kopf verankert"

Dospel über Ex-Austria-Coach Schinkels: "Hätte ich entscheiden müssen, wäre er schon lange weg gewesen."
ORF.at: Ihr Verein hat Montag Konkurs angemeldet. Wie geht man als Spieler mit der derzeitigen Situation um?
 

Ernst Dospel: Für uns Spieler ändert sich ja im Prinzip nichts. Es ist eben so, dass der Masseverwalter da ist und den Klub übernommen hat. Wir haben schon eine Betriebsversammlung gehabt, jetzt ist abzuwarten, ob der Spielbetrieb gesichert ist. Wenn das funktioniert, wovon der Masseverwalter und jeder andere auch ausgeht, dann ändert sich nichts. Außer dass Herr Kartnig den Verein nicht mehr führt.
 

ORF.at: Das heißt ihr trainiert normal weiter und bereitet euch auf das nächste Spiel vor, als wäre nichts passiert?
 

Dospel: So ist es auch nicht. Natürlich beschäftigt das die Spieler, alles andere wäre gelogen. Es treten schließlich auch rechtliche Fragen auf. Wir können nur schauen, dass wir weiter gute Leistungen bringen. Es ist auch ein Blödsinn, dass irgendein Spieler aus dem laufenden Vertrag austreten kann. Im Prinzip läuft derzeit alles normal ab, aber in den Köpfen sind die Ereignisse natürlich verankert.
 

ORF.at: Sie haben die rechtliche Seite angesprochen. Wenn das „Worst-Case-Szenario" eintritt und der Ausstieg aus der laufenden Meisterschaft erfolgt, welche Möglichkeiten haben dann die Spieler? Wurden die Spieler vom Vorstand über etwaige Möglichkeiten informiert?
 

Dospel: Vom Vorstand haben wir eigentlich überhaupt nichts gehört. Wir wurden bei der Betriebsversammlung vom Masseverwalter und der Arbeiterkammer aufgeklärt. Von Spielerseite müsste jeder bis zum Winter warten und wäre dann ablösefrei. So ist die Situation, wenn Sturm Graz zugesperrt wird.
 

ORF.at: Ihr Vertrag läuft bis Winter. Haben Sie sich in der Richtung schon etwas überlegt?
 

Dospel: Ich persönlich werde einmal abwarten, wie sich die nächsten Wochen entwickeln. Erst dann werde ich mich damit befassen, wie meine Zukunft aussehen wird. Man muss natürlich auch abwarten, sollte der Verein weiter bestehen, wie es danach ausschaut. In erster Linie möchte in weiter gute Leistungen bringen, darauf konzentriere ich mich.
 

ORF.at: Haben Sie aufgrund der Situation den Schritt, zu Sturm Graz zu wechseln, bereut?
 

Dospel: Überhaupt nicht. Ich wusste ja bereits vor meinem Wechsel, wie die Situation ist. Deshalb habe ich auch gesagt, ich bleibe einmal bis zum Winter. Schade wäre es allemal, wenn es Sturm nicht mehr gäbe. Denn die Mannschaft zeigt trotz allem sehr gute Leistungen und hat alles gegeben. Jeder Spieler ist dem Verein entgegengekommen. Davor ziehe ich den Hut, dieses Team hat nämlich Charakter. Das taugt mir extrem. Es wäre ewig schade, sollte es zum Infarkt kommen.
 

ORF.at: Am Samstag steht eine wichtige Partie gegen Ried auf dem Programm. Glauben Sie wirklich, dass jeder Spieler mit dem Kopf voll bei der Sache ist? Die Zukunft jedes Einzelnen ist schließlich völlig offen.
 

Dospel: Das kann ich wirklich nicht beurteilen, schließlich kann ich in keine Köpfe hinein schauen. Jeder wird aber sicher nicht mit hundert Prozent dabei sein. Jeder kann aber schauen, dass er seine mögliche Leistung abruft. Denn dazu hat jeder die Pflicht und das wird auch passieren. Im Training ist ja auch der nötige Spaß und Ernst vorhanden. Es wird gut gearbeitet. Das bestätigtauch der Trainer. Aber natürlich sprechen die Spieler vor und nach dem Training miteinander.
 

ORF.at: Kommen wir kurz zur Austria. Wie beurteilen Sie die Ereignisse bei Ihrem Ex-Klub?
 

Dospel: Ein Wahnsinn, wo der Klub steht und was passiert ist. Aber die ersten wichtigen Schritte in eine positivere Zukunft sind gesetzt worden. Mit Zellhofer hat das Team einen guten Trainer geholt. Von heute auf morgen werden die Versäumnisse aber nicht weg sein, denn die Qualität der Austria ist einfach nicht mehr gegeben.
 

ORF.at: Sehen Sie in der Bestellung von Thomas Parits zum Generalmanager eine positive Maßnahme?
 

Dospel: Fest steht, dass er ein Mann mit violettem Herz und eine Integrationsfigur ist. Er war Spieler und Trainer. Aber ob er auf dieser Position gute Arbeit leisten wird, kann ich nicht beurteilen. Zumindest hat er schon einmal Akzente gesetzt.
 

ORF.at: Ein violettes Herz hatte aber auch Toni Polster - und ist trotzdem gescheitert.
 

Dospel: Ich wiederhole mich gerne. Zum jetzigen Zeitpunkt finde ich die Maßnahme sehr gut, nur muss man in ein paar Wochen und Monaten eine Zwischenbilanz ziehen. Wenn er sie gut macht, war es ein Glücksgriff. Wenn nicht, habe ich auch nichts von einem violetten Herz. Die Resultate entscheiden.
 

ORF.at: Hätte aus Ihrer Sicht eigentlich Frenkie Schinkels nicht früher die Konsequenzen ziehen müssen?
 

Dospel: Hätte ich entscheiden müssen, wäre er schon lange weg gewesen. Man muss sich nur anschauen, was passiert ist und wo die Austria steht. Es haben nicht nur die Ergebnisse nicht gestimmt, sondern auch die Leistung. Immer zu sagen, das wird schon, das wird schon, bringt nichts. Meiner Meinung nach hätte Schinkels wieder nicht die Reißleine gezogen und wäre von selbst gegangen. Das verstehe ich wirklich nicht. Viel schlimmer finde ich aber sein Interview im Kurier, wo er jedem die Schuld gibt, nur nicht sich selbst. Das ist doch letztklassig. Daran sieht man eigentlich seinen Charakter. Das gehört einmal gesagt. So darf man nicht von einem Verein gehen. Er war der Trainer und somit verantwortlich.
 

ORF.at: Abschließend noch eine knifflige Frage. Wo wären Sie im Moment lieber: beim Tabellenletzten Austria oder beim insolventen Sturm Graz?
 

Dospel: Die Frage stellt sich für mich überhaupt nicht. Damals hätte ich es mir einfach machen können und jeden Blödsinn, den die Austria mir vorgelegt hat, akzeptieren. Da ist es ja nicht nur ums Geld gegangen. Ich habe nun diesen Weg gewählt und dazu stehe ich voll. Vom Sportlichen passt es ja, wir sind schließlich vor der Austria. Und das ist interessant.
 

Das Gespräch führte Christian Wagner, ORF.at