MEDIENARCHIV 22.10.06

 

Das Auf und Ab von Sturm Graz

Kartnig im Juni 1999: "Wir haben 100 Millionen Schilling auf der Kante."
Innerhalb weniger Jahre hat der SK Sturm den Wandel von einem Klub mit europäischem Format zu einem Konkurskandidaten vollzogen.
 

Noch Anfang 2001 scheffelten die Grazer mit dem Einzug in die damalige Zwischenrunde der Champions League Millionen, nun kämpfen sie um ihre Existenz.
 

Chronologie des "Wellentals":
 

2. Dezember 1992: Hannes Kartnig übernimmt das Präsidentenamt von Karl Temel. Sein Vertrauter Heinz Schilcher, selbst ehemaliger Sturm-Spieler, wird zum neuen Manager ernannt. Die Grazer, die im Frühjahr im Mittleren Play-off um den Klassenerhalt spielen, müssen bis Ende 1992 rund drei Millionen Schilling für Spielergehälter, Zinsen und Leihgebühren auftreiben.
 

14. Juni 1993: Die Grazer schaffen die Qualifikation für die neu geschaffene Zehnerliga, Milan Djuricic (jetzt Pasching) wird als neuer Trainer präsentiert.
 

25. Juni 1994: Der ehemalige jugoslawische Teamchef Ivica Osim unterschreibt einen Zweijahresvertrag. Sturm beendet die Saison hinter Salzburg als Vizemeister, mit der erst im Spieljahr 1994/95 eingeführten Dreipunkteregel wäre Sturm sogar Meister geworden.
 

Juni 1996: Sturm wird neuerlich Vizemeister, erstmals Cup-Sieger sowie Supercup-Sieger. Osim verlängert seinen Vertrag bis Juni 1999. Der italienische Star Giuseppe Giannini wird verpflichtet, im April 1997 wird der Vertrag jedoch einvernehmlich aufgelöst.
 

13. April 1998: Die Grazer küren sich vorzeitig und zum ersten Mal in der Klubgeschichte zum österreichischen Meister. Schließlich beträgt der Vorsprung auf Rapid Wien 19 Punkte, 81 Zähler in einer Saison sind bis dato österreichischer Rekord. Sturm zieht gegen Ujpest Budapest in die Gruppenphase der Champions League ein, wo man nur einen Punkt gegen Spartak Moskau holt.
 

Juni 1999: Sturm verteidigt den Meistertitel, holt mit Cup- und Supercup-Sieg das Tripel. Im Dezember abermalige Qualifikation gegen Servette Genf für die CL-Gruppenphase, dritter Platz in der Gruppe - Kartnig: "Wir haben 100 Millionen Schilling auf der Kante."
 

Juni 2000 bis Juni 2001: Vizemeistertitel hinter Tirol, danach Qualifikation gegen Feyenoord Rotterdam für die Champions League. Dort Gruppensieger vor Galatasaray Istanbul, Glasgow Rangers und AS Monaco. In Folge Dritter der Zwischenrunde dank zweier Siege gegen Panathinaikos Athen.
 

180 Mio. Schilling spielt Sturm in der CL allein 2000/01 ein, in drei Jahren werden insgesamt rund 330 Mio. Schilling lukriert.
 

In der Meisterschaft verpassen die Schwarz-Weißen als Vierte jedoch die Qualifikation für einen internationalen Bewerb. Kartnig: "Ich baue die Mannschaft so auf, dass wir in der nächsten Saison wieder Meister werden. Dann machen wir einen Durchmarsch."
 

28. August 2002: Nach dem Vizemeistertitel scheitert man in der CL-Qualifikation an Maccabi Haifa. Zwei Wochen später erklärt Erfolgstrainer Osim seinen Rücktritt.
 

26. April 2004: Sturm muss 300.000 Euro Lohnsteuer nachzahlen; zunächst hatten die Steirer einen Bescheid erhalten, laut dem sie 4,2 Mio. Euro nachzahlen hätten müssen. Ein erleichterter Kartnig: "Das wäre unser Aus gewesen. Aber jetzt ist dieses Problem aus der Welt."
 

14. April 2005: Sturm verkauft den Pachtvertrag für sein früheres Stadion, die legendäre "Gruabn", um 1,5 Mio. Euro an die Stadt Graz - Kartnig: "Wir brauchen das Geld, um diese Saison auszufinanzieren, das streite ich gar nicht ab."
 

8. November 2005: Bei der Generalversammlung wird bekannt, dass Sturm rund 5,7 Mio. Euro Verbindlichkeiten hat. Davon sind zwei Mio. Euro bis Sommer 2006 fällig. Vizepräsident Carlo Platzer zieht Stunden vor der Sitzung seine Kandidatur als Nachfolger von Präsident Kartnig zurück. Kartnig, der eigentlich seinen "definitiven Rücktritt" als Klubchef angekündigt hatte, bleibt im Amt.
 

19. April 2006: Die Grazer Polizei berichtet von einer Verstrickung von Trainer Michael Petrovic und Mittelfeldspieler Bojan Filipovic in den deutschen Wettskandal. Hausdurchsuchungen werden bei den beiden Verdächtigen durchgeführt, allerdings sind bis heute keine konkreten Beweise vorgelegt worden.
 

Frühjahr 2006: Nachdem die Lizenz für die Saison 2006/07 in erster Instanz verweigert wurde, wird diese in zweiter Instanz nach einer Haftungserklärung durch die steirische Landesregierung doch noch erteilt, wenn auch Sturm die Saison mit drei Minuspunkten beginnen muss.
 

Mai 2006: Nach einer anonymen Anzeige werden in Kartnigs Haus, dem Vereinsbüro von Sturm und Kartnigs Firma "Perspektiven" Hausdurchsuchungen durchgeführt.
 

Juli 2006: Ex-Trainer Osim will zunächst wegen ausstehender Zahlungen Konkursantrag gegen Sturm Graz stellen, verzichtet dann aber. Insgesamt schuldet Sturm Osim inklusive Zinsen 245.000 Euro, eine Ratenzahlung wird vereinbart.
 

28. Juli: Eine Spendenaktion "Helft Sturm Graz" wird aus der Taufe gehoben. Die Aktion läuft bis 31. August und bringt rund 50.000 Euro ein.
 

1. September: Das Finanzamt fordert von Sturm 1,2 Millionen Euro und lehnt eine von Kartnig vorgeschlagene Ratenzahlung von 20.000 Euro pro Monat ab. Der Sturm-Präsident bittet das Finanzamt um Nachsicht.
 

22. Oktober: Kartnig kündigt an, am nächsten Tag den Konkursantrag einzubringen und hofft auf einen Zwangsausgleich bzw. eine Fortsetzung des Spielbetriebs.