MEDIENARCHIV 02.11.06

 

Aus und vorbei

Wechsel an der Spitze

Hans Fedl wird neuer Präsident.
Nach genau 13 Jahren und elf Monaten ist die Ära von Hannes Kartnig als Präsident von Puntigamer Sturm Graz zu Ende.

Der 55-Jährige, der das Amt am 2. Dezember 1992 angetreten hatte, zog sich am Donnerstag aus allen Funktionen beim zweifachen ÖFB-Meister zurück und machte damit den Weg frei für ein neues Präsidium, das den in Konkurs befindlichen Verein vor der Einstellung des Spielbetriebs bewahren soll.

Neuer Präsident wurde der steirische Transportunternehmer Hans Fedl, ihm zur Seite stehen Hans Rinner und Gerhard Marbler als Vizepräsidenten sowie Stefan Fattinger als wirtschaftlicher Koordinator.

Zwangsausgleich am 7. Dezember?
Durch den Rückzug von Kartnig, mit dem sich auch Hans-Jörg Glinz und Wolfgang Lidl verabschiedeten, wird eine von der Investorengruppe um Fedl versprochene Bankgarantie von 750.000 Euro schlagend, durch die der Klub gerettet werden soll.

Eine diesbezügliche Entscheidung fällt am 7. Dezember, wenn die Gläubiger über den Zwangsausgleich abstimmen.

Fedl gibt sich optimistisch
Der neue Präsident Fedl ("Schon als kleiner Bub war ich Sturm-Anhänger") zeigte sich optimistisch, dass der dreifache Champions-League-Teilnehmer gerettet werden kann.

"Das ist jetzt einmal unser vorrangiges Ziel, und wir sind optimistisch, dass wir es schaffen", meinte der 55-Jährige nach dem Ende der entscheidenden Vorstandssitzung am Donnerstagabend im Sturm-Sekretariat.

Im sportlichen Bereich wird sich laut Fedl derzeit überhaupt nichts ändern. Künftig sollen für die Mannschaft neue Strukturen aufgebaut werden, so Fedl, ohne nähere Details dazu bekannt zu geben.

"Mit meinem Nachfolger kann ich leben"
Kartnig, dem von Fedl "für eine erfolgreiche Sturm-Zeit" gedankt wurde, wirkte nach der "Machtübergabe" sichtlich erleichtert.

"Ich wünsche Sturm alles Gute. Mit meinem Nachfolger kann ich bestens leben. Ich weiß, er hat ein Sturm-Herz, ist schwarz-weiß bis in die Knochen und wird das Sturm-Schiff wieder in ruhigere Gewässer lenken."

Selbst ist der Spieler
Schon vor den Funktionären waren Spieler und Trainer von Sturm in Aktion getreten.

Franco Foda und seine Schützlinge verkauften am Donnerstagnachmittag Tickets für das Meisterschaftsheimspiel am Samstag gegen Cashpoint SCR Altach und brachten dabei innerhalb von knapp drei Stunden rund 3.000 Karten an den Mann, womit in der UPC-Arena wohl um die 12.000 Zuschauer Platz nehmen werden.

 

 
 
Außerdem signierten Christoph Leitgeb und Co. T-Shirts mit der Aufschrift "Lang lebe Sturm"  

Eine wechselvolle Beziehung

Der tiefe Fall des Hannes K.
Hannes Kartnig ist einst als Retter von Sturm Graz und als erfolgreichster Klubpräsident der steirischen Fußballgeschichte gefeiert worden.

Seinen Abgang als Präsident des österreichischen Traditionsvereins hat er sich daher wohl anders vorgestellt.

Hoch gestiegen, tief gefallen
Der 55-Jährige, der am Donnerstag sein Amt bei den Steirern niedergelegt hat, brachte es mit Sturm zu zwei Meistertiteln und im Jahr 2000 zu einem Gruppensieg in der Champions League.

Sechs Jahre später befinden sich die Schwarz-Weißen im Konkurs, zu fahrlässig war Kartnigs Vorstandsriege mit den Champions-League-Millionen umgegangen.

Im Dezember 1992 hatte der Selfmade-Millionär die Vereinsführung in einer schweren sportlichen und finanziellen Krise übernommen. Eine zwischenzeitlich von großen Erfolgen geprägte Präsidenten-Ära später ist der Klub nun existenziell bedroht.

Entweder - oder
Kartnig zog die Konsequenz daraus, dass potenzielle Investoren eine für die Fortführung des Spielbetriebs notwendige Bankgarantie mit seinem Abgang verknüpft hatten.

Kartnig ist stets als Selbstdarsteller aufgetreten, beim Gang zum Konkursgericht hat es aber selbst dem wortgewaltigen Präsidenten ("Der schwerste Weg meiner Karriere") die Sprache verschlagen.

Erste Versuche beim GAK
Sturm ist dem ehemaligen Goldschmiedlehrling aus Gleisdorf ans Herz gewachsen. Dabei hatte er in der Schülermannschaft des GAK zu spielen begonnen, dem jungen Fußballer missfiel jedoch das Klima und er wechselte ins Lager des Stadtrivalen.

Aus Fehlern wird man nicht immer klug
Bei einem Grazer Juwelier knüpfte der Lehrling erste Kontakte zu Vertretern der Werbebranche, um wenig später selbst darin sein Glück zu versuchen.

Mit der Firma Kartnig-Werbung fabrizierte er schon 1976 seinen ersten Konkurs. Die angebliche Lehre, die er laut eigener Biografie daraus gezogen hatte: "Keine Schulden mehr machen."

Teure Fehlinvestitionen
Es ist aber anders gekommen. Die unerwartet hohen Einnahmen aus der Champions League, mehr als 20 Mio. Euro brutto, wurden rasch in unpassende und überteuerte Spieler gesteckt.

Negatives Highlight war der Rekordtransfer von Ghana-Stürmer Charles Amoah für umgerechnet mehr als 3,5 Millionen Euro im Jänner 2001.

Doch dem "Sonnenkönig" Kartnig, der mit seiner zweiten Firma, der Perspektiven-Ankündigungs-GmbH, viel Geld in den Verein gesteckt hat, wurde ob seiner Erfolge vieles verziehen.

"Meine Vision ist aufgegangen", versicherte der Lebemann, der 2003 bei seiner zweiten Hochzeit vom Trauzeugen Frank Stronach eine Weltreise geschenkt bekommen hatte, immer wieder.

Die goldenen 90er Jahre
Nach zwei Cupsiegen (1996 und 1997) als Ouvertüre folgte 1998 nämlich der ganz große Coup: Als erste steirische Mannschaft überhaupt holte Sturm unter Trainer Ivica Osim, Manager Heinz Schilcher und Präsident Kartnig die Meisterschale nach Graz - mit mitreißendem Offensivfußball und 19 Punkten Vorsprung auf Rapid.

Einer erfolgreichen Titelverteidigung im Jahr darauf folgten in der Saison 2000/01 auch internationale Schlagzeilen, als die Grazer als bis dato einziger österreichischer Gruppensieger in die zweite Champions-League-Phase aufstiegen und dort auch noch Dritter wurden.

Optimist bis zum bitteren Ende
Den Klub wollte Kartnig, der von 1989 bis 1996 als erster Doppelpräsident im österreichischen Spitzensport auch den Eishockey-Erstligisten EC Graz geführt hatte, daher selbst in Zeiten des drohenden Untergangs nicht verlassen.

Dabei hatten lediglich die bereits zu hohen Altlasten im November des Vorjahres eine Übergabe des Sturm-Vorsitzes an Carlo Platzer verhindert. "Die Masse will einen Kartnig", hat der gewichtige Ex-Präsident noch Anfang der Woche versichert.

Die Investorengruppe um den Spediteur Hans Fedl sah es anders und mit dem Gründer von "Kartnigs Perspektiven" keine Perspektive mehr für den Traditionsverein.

Porträt Hannes Kartnig
Geboren: 27. Oktober 1951

Geburtsort: Gleisdorf

Wohnort: Graz

Familienstand: in zweiter Ehe verheiratet mit Claudia, Sohn Gerald (35 Jahre)

Ausbildung: Volks- und Hauptschule, Goldschmiedlehre

Beruflicher Werdegang:

  • 1971 Gründung der Firma Kartnig-Werbung, später Gründung der Perspektiven-Ankündigungs-GmbH
  • 1989 bis 1996: Präsident des Eishockey-Klubs EC Graz

Erfolge als Präsident von Sturm Graz (Amtsantritt 1992):

2 x Meister (1998 und 1999)
3 x Cup-Sieger (1996, 1997, 1999)
3 x Einzug in die Champions League (1998, 1999, 2000/Zwischenrunde)